Phänologische Beobachtungen

25.03.2019

JACQUES DELPERRIE DE BAYAC
Karl der Große
LEBEN UND ZEIT
PAUL NEFF VERLAG WIEN – BERLIN
1976

DAS HUNGERJAHR 793

Nach einer schwachen Ernte gab es zu Beginn des Herbstes starke Regengüsse. Sie dauerten die ganze Zeit an, die gewöhnlich zur Aussaat des Getreides genutzt wurde. Wochen hindurch hofften die Bauern vergebens auf trockenes Wetter. Täglich hingen düstere Wolken am Himmel, täglich prasselte der Regen auf die Dächer, klatschte auf den Boden, rauschte unaufhörlich über die Stoppelfelder und durchnäßte Acker und Wiesen.

Als die kalte Jahreszeit einbrach, machten sich die Bauern trotz des ungünstigen Wetters ans Säen. Der Boden war aber derart aufgeweicht, daß an vielen Orten das Korn verdarb und zugrunde ging oder vom Wasser weggeschwemmt wurde.

Der Winter brachte eine Atempause. Im März jedoch kam der Regen wieder und hörte nicht mehr auf. Neue Quellen, Bäche und Rinnsale entstanden, kleine Sümpfe erweiterten sich zu weiten Mooren, die Flüsse traten über ihre Ufer und überschwemmten die Täler. Das Wasser bedeckte weite Flächen fruchtbarsten Landes, die Ernten waren nun endgültig verloren.

Damit begann für Burgund und das Frankenland, die Gebiete, in denen die Katastrophe am stärksten gewesen war, der Hunger. Zuerst mußten die Armen unter ihm leiden, weil ihre Mehl- und Getreidereserven nur klein waren. Dann leerten sich allmählich auch die Vorräte und die Geldtaschen der Begüterten.

Brot wurde aus zerriebenen Baumrinden, Früchten, Trauben, die man mit etwas Mehl vermischte, und schließlich auch aus Heu gebacken, gleichgültig, ob es genießbar war oder nicht. Man verzehrte alles, was sich in den Gärten und auf den Feldern fand. Man schlachtete alle Haustiere, auch die Hunde. Man aß gekochtes Gras, Abfälle und Erde. Wer zur menschlichen Nahrung ungeeignete Dinge zu sich nahm, ging bald zugrunde. Man sah Leute mit eingefallenen, grauen Gesichtern, die voll Flecken waren, und mit unförmig aufgetriebenen Bäuchen, man begegnete Gestalten mit schweren Lähmungserscheinungen. Die Hungrigen verließen ihre Wohnungen, um irgendwo Hilfe zu erbitten. Klöster, Priester, Bischöfe und Laien verteilten Lebensmittel. Als die Preise des Getreides stark anstiegen und so manche Händler Hamsterkäufe tätigten, um später vielfachen Gewinn einzustreichen, setzte Karl Höchstpreise fest. Aber damit war nicht mehr viel getan, weil die Masse des Volkes bereits mittellos war und nicht mehr über Bargeld verfügte.

Trotz der strengen Strafen, die auf unbefugte Jagd in den königlichen und herrschaftlichen Wäldern standen (Geldstrafen, Auspeitschen, zuweilen auch ein Pfeilschuß eines Aufsehers oder gar der Galgen), wagten die Bauern zu wildern. Aber zu Fuß, nur mit einem Spieß oder einem schlechten Bogen bewaffnet, fiel es ihnen schwer, einen Hirsch, ein Schwarzwild oder ein Reh zu erlegen.

Überall traf man auf Flüchtlinge, auf Männer und Frauen, Unfreie und Freigeborene. Sie kamen oft von weit her, hatten aber kein festes Ziel. Andauernd blickten sie suchend um sich und hofften, eine verschimmelte Ähre, einen Pilz, ein verendetes Tier oder irgend etwas anderes Eßbares zu entdecken. Sie versammelten sich vor Kirchen, Klöstern und Häusern, wo sie etwas zu bekommen glaubten. Sie wiesen auf ihren leeren Magen und auf ihre ausgemergelten Gesichter und flehten‚ man möge ihnen Nahrung geben. Aber bei aller Barmherzigkeit und Mildtätigkeit konnte nicht allen geholfen werden, da die Zahl der Bedürftigen zu groß war. So wanderten sie verzweifelt weiter, bis sie vor Erschöpfung nicht mehr konnten und nur mehr den Tod erwarteten. Hungerphantasien ließen sie plötzlich auf den durch das Wasser verwüsteten Feldern hochstehendes Getreide sehen. Sie schleppten sich darauf zu und glaubten, die Ähren mit der Hand zu berühren, bis sie ihren Irrtum erkannten. Vielfach wurden Zauberer und Hexen beschuldigt, mit ihren Untaten dieses Unglück heraufbeschworen zu haben.

Unter dem Druck der Hungersnot kam es zu grauenvollen Vorfällen. Straßenraub war an der Tagesordnung; alleinstehende Gehöfte wurden überfallen, die Bewohner getötet, um einiger Pfunde Mehl oder etlicher Hühner willen.

Bis zum Wahnsinn Verzweifelte rissen Gräber auf und holten kürzlich bestattete Leichen heraus, um sie zu verzehren. Wanderer kämpften mit den Wölfen um die Leiber der vor Schwäche zusammengebrochenen. Reisende, die für eine Nacht um Gastfreundschaft gebeten hatten, wurden erwürgt und von ihren Gastgebern verzehrt. Mütter nährten sich vom Fleisch ihrer Kinder.

Die meisten, die diese Scheußlichkeiten begingen, machten keinen wilden, gewalttätigen Eindruck. Ihre Gesichter zeigten eher, daß sie bereits den Verstand verloren hatten.

Die Abteien und Klöster, die den Bedürftigen halfen, hielten genügend zurück, um die Ernährung ihrer Mönche, Brüder und Bediensteten zu gewährleisten. Das war bekannt, und darum erschienen an den Pforten immer mehr Hungrige, zu denen täglich neue stießen, die bittend die Hände erhoben. Es war unmöglich, alle zu ernähren. Nur für den Augenblick konnte der Hunger gestillt werden. Und dabei mußte man darauf achten, daß nicht den Schwächeren noch von den Stärkeren das Wenige genommen wurde, das sie sich erbettelt hatten.

Bittprozessionen wurden veranstaltet. Glühende Gebete stiegen zum höchsten Richter gegen Himmel. Doch viele Herzen waren durch die Qual des Hungers, die sie erleiden mußten, bereits völlig verhärtet. Anstelle die Milde Gottes anzuflehen, damit er sie vom Übel erlöse, kehrten sich viele durch das Elend Verwirrte von ihm ab und wandten sich wieder dem Heidentum zu.

Der Himmel war wie in Stücke gerissen und sandte täglich Regenfluten auf die Erde; der Ablauf der Jahreszeiten war gestört, es gab weder Frühling noch Sommer. Monatelang dauerten die Überschwemmungen. Das Wasser, das auf Feldern und Wiesen stand, wurde faulig. Und als es endlich zurückgewichen war, kostete es ungeheure Mühe, den Boden wieder zum Anpflanzen brauchbar zu machen.

Allenthalben herrschte größte Verzweiflung. Leere Dörfer, die von ihren Einwohnern verlassen worden waren, standen zwischen von Unkraut überwucherten Feldern. Freche gefräßige Wölfe, die das Fleisch der Toten kennengelernt hatten, stürzten sich auf die Lebenden. Die Atemluft war von Miasmen und fauligen Gerüchen erfüllt. Und Krankheiten hielten unter der vom Hunger dezimierten Bevölkerung der Dörfer und Städte grimmige Nachlese.

13.12.2013

Der strenge Winter des Jahres 1709 während des Spanischen Erbfolgekriegs

Karl Adolf Menzel, Neuere Geschichte der Deutschen seit der Reformation, 2. Auflage, Breslau 1855, S. 103

“Die strenge Kälte, die im Jahre 1709 vom 6. bis zum 25. Januar, dann vom 6. Februar bis in den April ganz Europa heimsuchte und besonders in den südlichen Ländern die furchtbarsten Wirkungen hervorbrachte, steigerte in Frankreich das durch Krieg- und Abgabendruck erzeugte Elend des Volks zu einer entsetzlichen Höhe.  Nicht nur die Frucht-, sondern auch die Waldbäume erfroren.  Das Wild starb in den Forsten, die Vögel fielen tot aus den Lüften, die Kanäle Venedigs, die Rhone, ja selbst die Mündung des Tajo waren mit hartem Eis bedeckt.  In Paris hörten die Gerichts- und andere öffentliche Verhandlungen auf, die Straßen waren verödet, in den Häusern fand man ganze Familien in ihren Gemächern von Kälte getötet.  Theatrum Europae XVIII ad annum 1709, S. 384 und 385.
In Frankreich wurden Kommissionen ernannt, alle Vorräte verzeichnet und beaufsichtigt, alle Einfuhrzölle aufgehoben, und die Zufuhren nach Paris durch alle möglichen Veranstaltungen befördert;  dennoch konnte die Regierung nicht verhüten, dass die Teuerung für die ärmere Volksklasse zur wirklichen Hungersnot wurde und im Verein mit der Kälte Tausende hinwegraffte.”

Die Erinnerungen des Herzogs von Saint-Simon zum strengen Winter 1709

“Der Winter war, wie ich schon bemerkte, so schrecklich gewesen, daß man seit Menschengedenken keinen mehr erlebt hatte, der auch nur annähernd so hart gewesen wäre.  Ein Frost, der mit unverminderter Stärke fast zwei Monate lang herrschte, hatte bereits in den ersten Tagen die Flüsse bis zu ihrer Mündung zufrieren und an den Meeresküsten Eis entstehen lassen, auf dem Wagen mit schweren Lasten fahren konnten.  Ein trügerisches Tauwetter schmolz den Schnee, aber ihm folgte plötzlich einsetzender, neuer Frost, der ebenso stark war wie der vorhergehende und noch einmal drei Wochen anhielt.  Beide Male war der Frost so heftig, daß in mehreren Appartements in Versailles, wo ich es selbst gesehen habe, der Rosmarinlikör, die stärksten Elixiere und die schärfsten Schnäpse ihre Flaschen sprengten, die in Schränken in geheizten und mit Kaminrohren umgebenen Zimmern aufbewahrt wurden; und als ich eines Abends beim Herzog von Villeroy in dessen kleinem Gemach speiste, fielen in unsere Gläser Eiszapfen, obwohl die Flaschen auf dem Kaminsims standen und eben erst aus seiner kleinen, gut geheizten Küche gebracht worden waren, die, auf gleicher Höhe mit dem Gemach, von diesem nur durch einen winzigen Vorraum getrennt war.

Dieser zweite Frost zerstörte alles.  Die Obstbäume gingen zugrunde:  Nußbäume, Ölbäume,  Apfelbäume, Weinreben erfroren bis auf wenige, daß es kaum der Rede wert ist.  Die anderen Bäume gingen in großer Zahl ein, die Gärten waren vernichtet, alles Saatgut in der Erde verdorben.  Man kann sich die Trostlosigkeit dieser alles erfassenden Vernichtung nicht vorstellen. Ein jeder hielt sein altes Getreide zusammen;  das Brot wurde in dem Maße teurer, wie die Hoffnung auf neue Ernte schwand. …”

Arlette Lebigre, Liselotte von der Pfalz (=Madame), München 1991, S. 314 ff.

“Am Dreikönigstag, dem 6. Januar 1709, “zwischen drei und vier Uhr nachmittags”, so ein zeitgenössischer Bericht, bricht eine Welle polarer Kälte über das Königreich herein.  Innerhalb von vier Tagen sind die Seine und die Hauptflüsse zugefroren, entlang den Küsten hat das Meer eine Eisschicht.  Seit über hundert Jahren war das nicht vorgekommen, nicht einmal 1695, als an der Tafel des Königs der Wein in den Gläsern gefror, wie Madame berichtet.

Eine grausame Kälte, die sich ausbreitet und nicht endet, die Mensch und Tier tötet, Bäume und Saaten erfrieren läßt.  Wolfsrudel dringen bis an den Rand der Städte vor.  Das Leben ist paralysiert, die Kuriere verkehren nicht mehr, die Gerichtshöfe stehen leer, die Theater sind geschlossen.  Am 1. Februar liegt in Versailles der Schnee so hoch, daß man auf die Zeremonie der Wachablösung verzichten muß.  Der Dauphin hat eiligst Meudon verlassen, das nicht beheizbar ist und wo seine Leute sich weigerten zu bleiben.  Der Hof und die königliche Familie leben ganz abgeschlossen, der König verläßt kaum mehr die Gemächer der Madame de Maintenon.  Niemand geht aus.  Als der Herzog von Berry es eines Tages vor Langeweile nicht mehr aushielt und auf die Jagd ging, kam der Page, der sein Gewehr trug, mit einer erfrorenen rechten Hand zurück, und man mußte ihm die Finger amputieren.

“Es sollen seit dem 6. Januar allein zu Paris vierundzwanzigtausend Menschen gestorben sein”, schreibt Madame Anfang Februar.  Die Zahl ist sicherlich übertrieben.  Aber Tatsache ist, daß die Leute in den Städten und auf dem Land wie die Fliegen sterben.  Da die Mühlen durch das Eis blockiert sind, wird das Brot knapp, zur Kälte kommt der Hunger, die Tragödie wird zur Katastrophe.  Madame ist den Tränen nahe, als sie am 2. März die “erbärmliche Historie” einer armen Frau erzählt, die in Paris ein Brot vom Ladentisch eines Bäckers gestohlen hatte: … ”

29.05.2011

In der Nacht von dem 4. auf den 5. Mai habe ca. 20 Walnußbäume von mir in Sossenheim, alle  jünger als 10 Jahre, einen Kälteschlag erlitten.  Alles Laub wurde schwarz!

In den letzten drei Monaten hat es in Sossenheim nur einmal kräftig geregnet.  Die Pfirsiche beim Schieberle stehen im Sand.  Nachdem sie anfingen gelbe Blätter abzuwerfen, habe ich sie inzwischen dreimal mit einer Pumpe aus dem Brunnen vor dem Vertrocknen bewahren müssen.

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29.05.2011

Heute war ich nachmittags zu Besuch bei Frau Wittmann.

Die Dürre in den letzten drei Monaten hat katastrophale Ergebnisse in Kronberg gezeitigt.  In der Henkerstraße zum Altkönigstift sind viele kleine  Ahorne braun und scheinen vertrocknet zu sein.  Im Garten des Altkönigstifts sind drei hochstämmige Apfelbäume von Wirtz & Eicke vertrocknet:  Elstar, Roter Berlepsch.  Besser haben sich die Zwetschen gehalten, die früher gepflanzt zu sein scheinen, ebenso die Konstantinoplerquitte sowie die Potugiesische Quitte.  Auch von der Alleebäumen, die als ballierte Ware gepflanzt wurden,  sind einige vertrocknet sowie zahlreiche Sträucher.

Als wir dann durch die Landschaft wanderten, hatten die Brombeeren alle nach unten hängende Spitzen.  Die Brennesseln waren komplett vertrocknet.

04.03.2011

Kurd von Schlözer, Mexikanische Briefe, über den Golfstrom, Habana (Havanna) am 9. April 1869, aus New York kommend:

„Die Fahrt geht zwischen Küste und Golfstrom.  Letzteres ist ein sonderbares Institut.  Er strömt von Süden nach Norden, und zwar mit solcher Vehemenz, daß er sich durch keinerlei Verlockung der atlantischen Wogen zu einer Vereinigung mit ihnen bewegen läßt, sondern seine Lebensbahn als Hagestolz durchkämpft.  Später wendet er sich gen Osten, um dann endlich bei Norwegen im salzigen All aufzugehn.  Noch in der südlichen Gegend von New Foundland ist der Eigensinn dieses Golfstromes so groß, daß er – wie Kapitän Schwensen (des Segeldampfers „Westfalia“) mir während der Fahrt augenscheinlich nachwies – deutlich durch seine Farbe zu erkennen ist:  ein Fluß im Wasser!  Ein gigantisches Gegenstück zur grünlichen Rhone, die nach dem Einströmen in den Genfersee meilenlang ein ganz selbständiges Dasein führt.  Während der Gletscherfluß (Rhone) aber kühl bis ans Herz hinan bleibt, bewahrt der Golfstrom sein hitziges Temperament bis in die höchsten arktischen Regionen.

Beim Ausfluß aus dem Golf ist der Strom 119 Seemeilen breit.  Die Wucht seines Wassers ist dort so mächtig, daß man ihn bei der Fahrt nach Süden sorgfältig vermeidet, während die Schiffer auf der entgegengesetzten Route – Habana – New York – den Strom sofort aufsuchen, um auf seinem Rücken die Reise 24 Stunden schneller als umgekehrt zurückzulegen.“

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Glückel von Hameln (1646 – 1724), herausgegeben von Alfred Feilchenfeld:

“In jener Zeit sind wir in Altona in großen Sorgen gewesen;  denn es war ein sehr kalter Winter, wie er in 50 Jahren nicht vorgekommen ist;  man hat ihn der “schwedischen Winter” geheißen.  Der Schwede hat damals überall hinüberkommen können, weil es so hart gefroren war.”

Anmerkung 5) von Feilchenfeld:  In dem furchtbar strengen Winter 1657/58 zog der kriegsgewaltige König Karl X.  Gustav von Schweden über das Eis des festgefrorenen kleinen Belts nach Fünen und von da über den großen Belt nach Seeland.

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